Presse zu “Gotthelm oder Mythos Claus”

Offenbach-Post (online) vom 27. januar 2007:

Erleuchtung unter der Haube
Uraufführung von “Gotthelm oder der Mythos Claus” im Schauspiel Frankfurt

Wahrscheinlich ist der Frisiersalon der wahrhaftige Ort des Mythischen. Jedenfalls ist dort “Gotthelm oder der Mythos Claus” angesiedelt, Theaterdebüt des Autors Michael Lentz. Das Theater, tat der 1964 in Düren geborene Ingeborg-Bachmann-Preisträger vor der Uraufführung im Kleinen Haus des Frankfurter Schauspiels kund, sei eine “Kulturveranstaltung”, angesichts der er das Weite suche – sofern er nicht einschlafe.
Kurzweil ist der “Trophobie”, wie der Literaturprofessor seine mit dem Künstler Ulrich Winters entwickelte Idee untertitelt, allemal zu bescheinigen. Sieben Frauen, alle mit Namen Claus, sitzen beim Friseur, lesen Regenbogenpresse und suchen Transzendenz bei Kreuzworträtseln. Das Lösungswort lautet Gott. Erleuchtung aber verspricht eine Trockenhaube. Der “Gotthelm” ist im realen Leben eine Kreation des Neurotheologen Michael Persinger, der meint, mittels neuronaler Impulse mystische Erlebnisse anregen zu können.
Eine Handlung im herkömmlichen Sinn kennt das Stück nicht, kein Fortschreiten der Zeit, auch keine Figuren im Sinne einer psychologischen Zeichnung. Die einheitliche Benennung mag auf einen inneren Monolog hinweisen, doch diese Fährte könnte auch falsch sein. Im Grunde seines Wesens bleibt das Stück nämlich merkwürdig unfassbar. Es scheint einzig in der Sprache verortet. Ein Konstrukt, das bei aller diabolischen Experimentierfreude auf dem Boden bleibt, wenngleich es der einer höheren Wirklichkeit sein mag.
Als Bühnenbildner hat Ulrich Winters die reine spielerische Fiktionalität zum Motiv gemacht. Die Mischung aus Flipper und Jahrmarktsbude ist grellbunt, entrückt und profan zugleich. In der souveränen Regie Christiane J. Schneiders kommen die Klischees im Rattertempo aus den Mündern der von Judith Oswald in glitzernde Pullover gesteckten Schauspielerinnen, die als Kollektiv auftreten, inklusive einer stets ein wenig abseits stehenden Betrachterin. Am Schluss ist ein pantomimisches Hauen und Stechen, ein Untotentanz aus dem Schattenreich des Absurden.
STEFAN MICHALZIK

Echo-Online vom 27. Januar 2007
Gott beim Friseur

Uraufführung: Das Frankfurter Schauspiel zeigt im Kleinen Haus die unterhaltsame Sinnsucher-Satire „Gotthelm oder Mythos Claus“ von Michael Lentz
FRANKFURT. Den Frisiersalon „Megahaube 2000“ würde man nur mit Vorsicht empfehlen. Die Kundinnen verschwinden in einem Kabinett, und wenn sie wiederkommen, tragen sie ziemlich unmögliche Haarungetüme auf dem Kopf. Zwischendurch aber sieht man, dass sie unter der Haube seltsame Erlebnisse haben. Eine Frau ruft beispielsweise merkwürdige Wünsche an das Universum in den Himmel. Einen Büffelhauthammer bestellt sie oder eine digitale Bügelmessschraube. Jeder Ruf wird mit dem Abwurf eines Päckchens beantwortet. Eine andere Frau tritt heraus, legt stumm Schuhe, Hose und Pullover ab, um sie gleich darauf wieder anzuziehen. Bei einer anderen Dame geht es weniger ruhig ab, sie meditiert sich in die Ekstase hinein, bis der verrenkte Körper krampfhaft zuckt.
Das ist so kurios wie die Tatsache, dass alle sieben Frauen im ersten Theaterstück des Lyrikers Michael Lentz den Männernamen Claus tragen. Eine „Trophobie“ hat Lentz sein Stück „Gotthelm oder Mythos Claus“ genannt, was immerhin in der Zusammensetzung mit dem Vornamen der Damen Sinn gewinnt. Vielleicht ist es ja klaustrophobisch eng unter der Haube. Dort denken die Damen an Gott. Dieses Wort haben sie beim Warten gemeinsam im Kreuzworträtsel herausgeknobelt, aber sie können nichts damit anfangen. Jede legt sich im Kopf ihr eigenes Gotteserlebnis zurecht, aber wenn sie es erzählen, verstehen die anderen nichts.
Die Regisseurin Christiane J. Schneider geht die Uraufführung im Kleinen Haus des Frankfurter Schauspiels beherzt an. Sie legt ein mächtiges Tempo vor und hält es bis zum Ende der kaum länger als eine Stunde währenden Aufführung durch. Das verhindert, dass man allzu tief in den Sinn dieser vom Alltag abgehobenen Dialoge eindringt, und das hat Lentz mit seinen Modellen unmöglicher Kommunikation ja auch gar nicht gewollt. In dem pausenlosen Pointen-Pingpong übersieht man auch gerne, dass mancher Witz sich auf Kalauer-Niveau bewegt. Das passt auch gar nicht schlecht zu dem flotten Schlagabtausch, der sich in der Jahrmarktsbude entwickelt, die der Bühnenbildner Uli Winters als Friseursalon auf die Bühne gebaut hat. Jede der sieben Darstellerinnen – Nadja Dankers, Anna Grisebach, Katrin Grumeth, Victoria Mayer, Martin Maria Reichert, Eva-Christine Richter und Sabine Waibel – hat in dieser sehr unterhaltsamen Satire auf die heillos verwirrte Sinnsuche ihren schönen Auftritt. Sie liefern sich abstruse Gottesbeweise und widerlegen sie wieder, sie machen einander vor, wie sie sich Gott vorstellen, sie denken darüber nach, was die Buchstaben G-O-T-T wohl bedeuten könnten. Gesund oder total tot, zum Beispiel. Oder: Geiler orientalischer Tablett-Träger.
Dabei werden sie beobachtet von einer stummen Figur, die sie gar nicht wahrnehmen. Vielleicht ist dieser „Eineuroimwegstehclaus“ ja einer jener Engel, die Menschen nicht sehen. Oder tatsächlich Gott. Oder doch bloß die Aushilfe im Friseurladen.
Johannes Breckner 27.1.2007

Das Rätsel um die vier Buchstaben
Sieben Gottsucher im Wirbel der Sprache: Uraufführung von Michael Lentz’ “Gotthelm oder Mythos Claus” am Schauspiel Frankfurt.
VON SYLVIA STAUDE

“Für die Namensgebung eines Sohnes ist der Name Gotthelm ein guter Tipp”, steht allen Ernstes auf der Internet-Seite www.baby-vornamen.de. Kommentator “Deadlef” hat dazu geschrieben: “Wieso nicht gleich Gotthilf Gotthelm Gott zum Gruße Fürchtegott? Das arme Kind!” Der Schriftsteller Michael Lentz hat sich vermutlich nicht von baby-vornamen.de inspirieren lassen, als er sein erstes Theaterstück Gotthelm oder Mythos Claus nannte, doch könnte “Deadlefs” Kommentar ihm gefallen – aus rein sprachspielerischen Gründen. Gern treibt Lentz – auch in seinen Romanen, durch die er bekannt wurde – die Drehzahl seiner Sätze hoch. Seine Sprach-Sprints sind manchmal erhellend, manchmal bloß Kalauer, sie sammeln alles ein, was am Weg liegt, ob Hoch- oder Tiefsprache oder weitgehend sinnfreie Buchstabenreihung. Kreuzworträtsel lösend zeigt er seine Figuren in den ersten Minuten des Stückes, und erst über Gort, Gobt, Goct, Goet, Goft, Goitus und einiges mehr landen sie bei dem richtigen “Gott”. Der von da an zum Thema wird.
Fahrbetrieb mit Trockenhauben
Im Kleinen Haus des Frankfurter Schauspiels hat Christiane J. Schneider das Stück nun texttreu zur Uraufführung gebracht, als Schnellsprech-Herausforderung für sieben “Cläuse” (alle Figuren heißen Claus, werden aber nach Willen des Autors von Frauen gespielt), die sich auf dem Jahrmarkt der Heilsversprechen, Gottestheorien und -beweise tummeln. Was bei Lentz ein Friseursalon ist, hat Bühnenbildner Uli Winters zu einem bunt und silbrig blinkenden Fahrbetrieb mit Trockenhauben gemacht, vorn lässt sich eine lange rechteckige Fläche hochfahren, sie dient mal als Talkshow-Tisch, mal als Laufsteg zur Erörterung der doppelsinnigen Frage “Wie geht Gott?”.
Da kann man durchaus unterschiedlicher Ansicht sein, und Lentz’ sieben Cläuse sind es. Da ist “Roboterclaus” (die Beinamen stehen nur im Stücktext), der sich ein Maschinchen baut, “Homunkulusclaus”, der seine Hoffnungen auf ein sprechendes Lumpenpüppchen setzt, “Atemclaus”, der im Yogasitz hechelt, “An- und Ausziehclaus”, der sich, logisch, an- und wieder auszieht und damit auf die ewige Wiederkehr und schließlich das Paradies verweisen will. Jeder Claus verschwindet im Laufe des Stücks einmal unterm Gott-Helm, darf sich dann, frisch frisiert und erleuchtet, in seine jeweilige Lieblingstheorie oder Heilsbemühung steigern.
Diese Claus-Parade endet bei “Cotardclaus” (das sogenannte Cotard-Syndrom ist ein Todeswahn, der meist von Psychosen begleitet wird): Der ist überzeugt, tot zu sein, die anderen wollen das nicht glauben und versuchen, ihn umzubringen, um ihm damit zu beweisen, dass er gerade eben noch lebte.
Ein überdrehter Pistolen-, Messer-, Hackebeil-Totentanz beginnt, bald geht jeder Claus auf jeden Claus los, und es stellt sich heraus: Keiner von ihnen kann sterben. Sind sie also alle schon tot? Christiane Schneider lässt sie zuletzt gleichsam von der Bühne kreiseln, mit Masken vor dem Gesicht und als Zeitlupen-Mummenschanz. Während der einzige Claus, der im Programmheft mit Beinamen aufgeführt ist, jedoch kein Wort Text hat, unter den Gott-Helm steigt und alsbald verzückt lächelt: Ein Moment der Erleuchtung vielleicht für “Eineurostehimwegclaus” (Kerstin Becker), der bis dahin genau dies tat: den anderen im Weg stehen.
Ratio im Hundezwinger
Michael Lentz, der 2005 für seine performativen Lesungsauftritte den “Preis der Literaturhäuser” erhielt, scheint es um einen, stellenweise zu hampelnder Hysterie gesteigerten, Thesen-Taumel zu gehen. Um eine Art Rene-Pollesch-Rasanz, absurder nur in ihren Inhalten als bei diesem Theatermacher, mit Sätzen wie “Jeder Hundezwinger ist die Revolution der Ratio.” Da versendet sich manches, das macht auch nichts. Denn obwohl sich Lentz’ auf die wissenschaftliche Theorie bezieht, derzufolge uns lediglich chemische Prozesse im Gehirn an einen Gott glauben lassen, uns eine Gottes-Notwendigkeit quasi vorgaukeln, dreht seine Goat-Goft-Gog-Gold-Goitus-Gong-Debatte alle, man könnte sagen “anzitierten” Philosophien durch den Fleischwolf.
Christiane Schneider nimmt sich der Wortkaskaden ohne falschen Ehrgeiz an, arbeitet das Komische an ihnen heraus. Nicht immer bringen die sieben Darstellerinnen ihre Pointen ins Ziel, aber doch meist. Die Schauspielensemble-Mitglieder Nadja Dankers, Katrin Grumeth, Sabine Waibel sowie, als Gäste, Anna Grisebach, Victoria Mayer, Martina Maria Reichert, Eva-Christine Richter wurden von Kostümbildnerin Judith Oswald in die geschmacksfreiesten, prolligsten Pullis gesteckt, die man sich vorstellen kann, dazu kommen trübe Röcke und Hosen, und, nach jeder Gotthelm-Erleuchtung, monströse Perücken. Joachim Steffenhagens Musik macht ein wenig auf Jahrmarkts-Nostalgie.
Das ganze Stück ist ein bisschen wie jene kurze Szene: “Wie geht Gott?”, fragt ein Claus. Als Antwort macht ein anderer Claus ein paar Schritte. Das ist nicht unwitzig, die ganzen 70 Minuten Gotthelm sind nicht unwitzig, doch eher von der überkandidelten als der tiefschürfenden Sorte. Ein Stückchen aktuell wirkendes Theater, das vermutlich bald auf anderen Bühnen auftauchen wird, denn man kann damit beim Publikum nicht wirklich viel falsch machen.
Schauspiel Frankfurt: 28. Januar, 1., 16., 24. Februar, 19.30 Uhr. www.schauspielfrankfurt.de

Aus einem Interview mit Michael Lentz in der Frankfurter Rundschau vom 24. Januar 2007
“Sehr viel Spaß hatte ich an der Zusammenarbeit mit dem Künstler Uli Winters, der auch das Bühnenbild gemacht hat. Wir haben Idee und Konzept zu dem Stück gemeinsam entwickelt, er war schon länger auf dem Gebiet Gehirnforschung unterwegs. Das harmonierte wunderbar, mit allen Sackgassen und Problemen, an denen man sich abarbeiten muss. Ulrich Winters ist ein toller Sprach- und Stimmenimitator. Auf ihn konnte ich mich immer verlassen, wenn bei mir Sendepause war.”

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