Presse zum Hörspiel “Die ganz genaue Erinnerung”


Lobende Erwähnung für “Die ganz genaue Erinnerung”
  
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Kritik zum Hörspiel in der “Funk-Korrespondenz”:

Versuch einer improvisierten Inszenierung

Michael Lentz: Die ganz genaue Erinnerung

Bayern 2 Fr 9.7. 20.30 bis 21.40 Uhr

Es gibt Radiostücke, bei denen wünscht man sich nach drei Minuten ein kaltes Bier und die Fußball-WM zurück. Da erzählt der Autor von seiner Kindheit (potenziell immer gefährlich), von seiner obsessiven Beziehung zu zwei Porzel- lanfiguren, die er Grottli und Cöppecus nennt. Und er erzählt das aus einer Perspektive, die an eine Reality-Show erinnert. Mutter und Vater erinnern sich fröhlich mit. Nicht genug damit, dass sich das wie ein „Meine-schwere-Kindheit- Feature“ anhört, wenn wir etwa erfahren, wie Grottli und Cöppecus einmal im Restaurant liegen blieben oder von den Eltern, als es ihnen mit der Obsession zu weit ging, nachts beseitigt wurden. Einmal in Stimmung gebracht, verfällt der Autor auch noch in infantile Regressionen. Dann spielt er mit quäkig verstellter Stimme seine Kindheitsspiele nach, führt dem Hörer höchst begeistert seine Figürchen vor, als solle man nun bitteschön die vorpubertären Spießge- sellen als veritable Hörspielcharaktere anerken- nen. Als solle man sich ernsthaft anhören, wie diese Figuren einst in ihrer kleinen Puppenwelt arrangiert wurden. Aber etwas daran stimmt nicht. Da spricht ja die meiste Zeit gar nicht der Autor. Es ist der Klangkünstler und Hochschuldozent Uli Winters, der seine Kindheit zelebriert, während der Autor, Michael Lentz, sich vielmehr nur einmischt und die Erinnerung eines anderen lenkt. Und was ist denn mit der Mutter (Sophia Siebert) los? Nicht nur, dass ihre Stimme viel zu jung ist, um glaub- haft zu sein, gibt sie obendrein Sprechanweisun- gen, wenn bei den Mitwirkenden eine Betonung nicht sitzt. Das wäre doch nun Aufgabe des Autors. Um mit Loriot zu sprechen: das Bild hängt schief. Die „ganz genaue“ Erinnerung ist vielfältigen Einflussnahmen ausgesetzt.

Im Verlauf von knapp 70 Minuten wird dem Hörer eine vermeintlich authentische Ebene nach der anderen untergejubelt, schachteln sich in die kleinen Puppenspiele Winters, die größe- ren, die der Autor Michael Lentz mit seinen Sprechern treibt, bis hin zur direkten Beeinflus- sung durch gezielte Anweisungen. Dadurch ist keine einzige der intensiv vorgetragenen Emotionen mehr „echt“. Das Stück „Die ganz genaue Erinnerung“ ist eine überformte Doku-Fiction 33 und wird dadurch zur Parodie auf den medialen Authentizitäts-Hunger.

Doch die inszenierte Unmöglichkeit Erinne- rung zu vermitteln, ohne dass sie dabei verändert würde, rückt das Lentz-Stück auch in die Nähe von Pirandellos „Sechs Personen suchen einen Autor“ und einer Unmöglichkeit des (Hör-/ Theater-)Spiels selbst. Sagte doch Pirandello über sein Stück, es sei „ein Drama, das von sich aus durch seine atmenden, sprechenden, sich bewegenden Personen, die es tragen und erlei- den, um jeden Preis eine Möglichkeit finden will, aufgeführt zu werden, sowie ein Stück über den vergeblichen Versuch dieser improvisierten Inszenierung“. Und das passt auch auf das Hör- spiel von Michael Lentz perfekt.

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